Samstag, November 01, 2008
Hanseatischer Schlingerkurs
Hanseatischer Schlingerkurs - Kostenexplosion beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie
Anfang April 2007 wurde die Grundsteinlegung für die
Elbphilharmonie in Hamburg noch enthusiastisch gefeiert. Der
spektakuläre Bau der Basler Architekten Herzog & de Meuron sollte
der Hansestadt nicht bloss einen der weltbesten Konzertsäle, sondern
zugleich auch ein neues Wahrzeichen bescheren. Doch mittlerweile hat
sich die Stimmung grundlegend gewandelt: Das vermeintliche Wahrzeichen
droht zum Symbol für eine fahrlässige, teilweise chaotisch anmutende
Planung zu werden. Auf Druck von Bürgermeister Ole von Beust (CDU)
musste der bisherige Projektkoordinator und Chef der Städtischen
Realisierungsgesellschaft ReGe, Hartmut Wegener, Mitte September seinen
Hut nehmen. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass die
zeitliche und finanzielle Planung des prestigeträchtigen Glasbaus aus
dem Ruder gelaufen ist. Seine Demission ist der vorläufige Tiefpunkt
einer Entwicklung, die sich in den letzten Monaten abgezeichnet hat.
Nachdem der künftige Generalintendant Christoph Lieben-Seutter noch
im heurigen Frühjahr offiziell davon ausgegangen war, sein Haus im
September 2010 eröffnen zu können, gab Kultursenatorin Karin von Welck
am 10. Juni die Verzögerung um ein Jahr bekannt; der ursprüngliche
Zeitplan sei nicht einzuhalten – man hatte die vielschichtigen
Herausforderungen des Projekts offenbar unterschätzt. Hier deutete sich
bereits ein Konflikt zwischen der Stadt und dem Baukonzern Hochtief an,
der sich weiter zuspitzen sollte. Anfang September wurde bekannt, dass
die Elbphilharmonie erheblich teurer wird als angenommen. Jüngere
Schätzungen belaufen sich auf rund 340 bis 380 Millionen Euro; in einer
Ausgabe des Magazins «Focus» äusserte der frühere Bürgermeister Klaus
von Dohnanyi gar eine Prognose, die sich auf 584 Millionen hochrechnen
lässt – das wäre dann mehr als das Doppelte jener Summe von 241
Millionen, die der entlassene Wegener, aber auch Bürgermeister von
Beust immer wieder als «Festpreis» bezeichnet hatte: ein gravierender
politischer Fehler in Anbetracht der vielen Unwägbarkeiten, die ein
solches Unterfangen mit sich bringt. Wer für die Mehrkosten aufkommt,
ist unklar; der öffentliche Rückenwind für das Projekt hat sich
entsprechend gedreht und bläst den Verantwortlichen stramm ins Gesicht:
Aufgrund der Kostenexplosion ist der überparteiliche Konsens der
Hamburger Bürgerschaft zur Elbphilharmonie aufgekündigt. Nicht nur die
Oppositionsparteien SPD und Die Linke sprechen sich gegen weitere
Ausgaben aus und werfen von Beust vor, er habe die Kosten bewusst zu
niedrig veranschlagt, um das Projekt durchzusetzen.
Nachdem Wegener abgelöst ist und durch den ehemaligen
ReGe-Projektleiter Heribert Leutner ersetzt wird, möchte der
schwarz-grüne Senat mehr «externen Sachverstand» einbinden. Dass es
daran offenbar bisher gefehlt hat, wirft ein ebenso bezeichnendes Licht
auf die konzeptionellen und organisatorischen Mängel wie die Tatsache,
dass Leutners Amtsantritt erst zum heutigen 1. November erfolgen
konnte, weil er bis jetzt an ein anderes Unternehmen gebunden war. Das
heisst, der Steuermann wurde von Bord geschickt, bevor ein neuer Lotse
zur Verfügung stand; die führungslosen Wochen nach Wegeners Demission
haben weitere kostbare Zeit und wahrscheinlich auch eine Menge Geld
gekostet. Ob es Leutner gelingt, das Projekt Elbphilharmonie wieder aus
den Untiefen und auf Erfolgskurs zu navigieren, wird erst die
Zukunft zeigen.
Derzeit erscheinen die Protagonisten mitunter wie von verfrühter
Winterstarre gelähmt und durch die Krisensituation überfordert: Bei
einer Podiumsdiskussion des NDR räumte der mutlos und blass wirkende
(wenn auch nur per Monitor aus London zugeschaltete) Lieben-Seutter
ein, er habe derzeit keine Planung für die Elbphilharmonie; die
Kultursenatorin wich konkreten Fragen aus und flüchtete sich in
Allgemeinplätze. Nachher sei man ja immer klüger. Ende November soll es
nun neue Zahlen geben: Dann wird die Bürgerschaft über Zwischenstände
zu Zeitplan und Gesamtkosten informiert. An den um ein Jahr nach vorn
verschobenen Eröffnungstermin mag indes schon jetzt
kaum noch jemand glauben. [Marcus Stäbler/NZZ]

